Bahngleis 4/5 und der Nachtzug

 

Basel

Basel

Ich bin nach einem schönen Abend bei Annemarie und Marcus von Freiburg aus entspannt aufgebrochen; es sollten knappe 70km werden, die ich noch mal in vollen Zügen genießen wollte. Zum Ende wurde ich auch immer langsamer, habe viele Pausen gemacht und die Natur genossen.

An den Ilsteiner Stufen habe ich dann noch zwei Jungs (sind von Karlsruhe aus gekommen) kennengelernt, mit denen bin ich bis Basel zusammen gefahren. Die Jungs sind am nächsten Tag weiter nach Konstanz aufgebrochen und wollen dann in den Norden hoch. Die beiden zelten jeden Abend in der freien Natur, da kam ich mir dann doch recht klein vor. Nach hundert Kilometern auf dem Rad hätte ich keine Lust mehr, das Zelt (womöglich noch nass vom Vortag und bei strömenden Regen) aufzubauen. Solche Touren werden so natürlich deutlich günstiger.

Am Ortsschild zu Basel sind die beiden weitergefahren und ich habe dort das obligatorische Bild gemacht.

Danach ging es gemütlich rollend in die Stadt. Basel selber ist sehr schön; begünstigt durch das Wetter kam ein südeuropäisches Flair auf. Die Stadt ist in gewisser Wiese exotisch; hier findet man ein buntes Sprachgemisch, Frankreich, Schweiz und Deutschland treffen hier aufeinander und das macht es sehr spannend.
Um in Ruhe die weitere Vorgehensweise zu recherchieren, bin ich dann in den deutschen Teil des Drei-Länder-Ecks gefahren, nach Weil am Rhein. Der Ort ist nicht schön, eher eine Durchgangsstraße nach Basel.
Bei dem obligatorischen Käsebrötchen und Kaffee habe ich im Internet die Reise- und Unterkunftsmöglichkeiten rausgesucht. Ich war mir unschlüssig, entweder noch mal einen Abend ins Hotel oder mit dem Nachtzug nach Hause. Letzters wäre unterm Strich günstiger und eigentlich was meine Lust auf eine weitere Hotelnacht gen Null.
Zwischenzeitlich kam ich mit einem Mann am Nachbartisch ins Gespräch. Er hat mir Übernachtungstipps gegeben, etc. Wir haben bestimmt eine Stunde geplaudert, die Sonne schien und es war ein sommerlicher Spätnachmittag.

Als ich dann aufbrach, stand meine Entscheidung: Nachtzug. Im Ort habe ich das Ticket im DB-Reiseladen gekauft und bin dann zum Badischen Bahnhof gefahren und habe mich auch gleich verfahren … da ich aber ja noch knapp fünf Stunden Zeit hatte, habe ich das genutzt, um noch mal ein bisschen Basel anzuschauen.

Der Badische Bahnhof liegt auf Schweizer Grund, wird aber ausschließlich von der DB gemanagt. Man kann dort mit Euro zahlen und es gibt ein deutsches Handynetz. Beim Verlassen der Bahngleise muss man jedesmal durch den Zoll.
Nachdem ich bei McDonalds diniert und mich mit Zeitschriften und Süßigkeiten eingedeckt habe, bin ich zum Bahnsteig hoch und fand dort einen Kiosk mit Cafe vor; dies sollte nun der Platz für die nächsten Stunden und Ort von skurilen Begegnungen werden.
Ich habe mich an den Tisch nahe dem Tresen gesetzt (was im nachhinein eine folgenschwere Entscheidung war) und kam sofort mit der Verkäuferin in Gespräch. Wir waren gerade mitten in der Unterhaltung, da setzte sich eine ca. 90jährige, ohne ein Wort zu sagen, an meinen Tisch. Man muss dazu sagen, dass sonst alle anderen Tische frei waren und so muss ich wohl ein sehr erstauntes Gesicht gemacht haben. Amüsierter Kommentar der Verkäuferin “Ist ihr Stammplatz”. Nach einem mir unverständlichen Gespräch ( die Dame sprach bzw. murmelte sehr leise und der Dialekt war kaum verständlich) bekam die Dame ein “Käseküchle” ( sowas wie ein kleiner Flamkuchen mit extrem viel Käse) und einen langdiskutierten Kräutertee. Gespräche mit ihr gestalteten sich von schwer bis unmöglich.
Kurze Zeit später kam dann ein Mittvierziger rein, setzte sich an den Nachbartisch und fing an, auf mich einzureden. Auch hier kaum verständlich und dazu noch wirr. Unterm Strich kam raus, dass er auch Stammkunde und Hartz4-Empfänger ist. Er verdient nebenbei Geld mit … naja, er legte mir eine Zeitung mit dem Anzeigenteil vor, wo eine ältere, vermögende und großzügige Dame, sich über Besuche von Männern freuen würde. An festen Beziehungen würde aber keine Interesse bestehen.
Bei der sei er am Wochenende gewesen und grinste mich an. Wir sprachen im weiteren Verlauf über die Fahrradtour und meinen Sonnenbrand und er kam nicht umhin, sein T-Shirt vor versammeter Mannschaft hochzuziehen, um seine gebräunte riesige Plautze zu zeigen. Es kam quasi zu Szenenapplaus.
Er würde sich mit Marathon fithalten … also gehen … In neun Stunden.
Plötzlich stand ein weiterer Typ an meinem Tisch und setzte sich … war wohl auch sein Stammplatz. Tobias, so stellte er sich vor, war Mitte 20 und leicht geistig behindert. Er hatte letztes Wochenende einen Pokal in Downhillfahren gewonnen, er hat mir dann von seiner Arbeit erzählt und und und.
Zwischenzeitlich setzte sich wortlos eine ältere Dame an einen Nachbartisch, bekam wortlos, einen Halben hingestellt und nach zwei weiteren Halben, einer Stunde wortlosen Starrens auf den Tisch, legte sie … richtig … wortlos das Geld auf den Tisch und verschwand, Kommentar der Verkäuferin “Stammgast”.

Gegen 21 Uhr schloss sie das Cafe und wir, also Tobias und ich, saßen dann auf dem Bahnsteig. Sein Zug sollte um 21:49 fahren und er fragte mich, ob ich im zum Abschied winken würde. “Ehrensache!” Er hat mir dann ein Stück Schoki geschenkt und wir waren die besten Freunde.
Die halbe Stunde zwischen der Abfahrt seines und meines Zuges war geprägt von götllicher Stille.

 

Die Fahrt mit dem Nachtzug sollte sich dann etwas komplizierter am Anfang darstellen; die Auszeichnungen der Waggons war nicht ganz einfach und ich auch schon ziemlich müde, so dass es zu folgender Aktion kam:

Schaffner: “Könnte ich bitte ihr Ticket haben”

Studiert das Ticket…

Schaffner süffisant: “Und warum soll das Fahrrad nach Amsterdam?”

 

Der Zug sollte zur Hälfte nach Hamburg und zur anderen Hälfte nach Amsterdam. Ich hatte mein Fahrrad in das Fahrradabteil nach Amsterdam reingestellt. Ich durfte also bis Karlsruhe wachbleiben, damit ich beim Zwischenhalt dort das Fahrrad in das andere Abteil, was gefühlt so weit entfernt war wie die gesamte Fahrradtour, bringen konnte.

Danach ging es ins Schlafabteil. Ich kann die Werbung, dass man mit dem Citynightline entspannt und ausgeschlafen ankommt, nicht unterschreiben. Aber ich war morgens in Hamburg und konnte den Schlaf auf dem Sofa nachholen.

 

 

Fazit folgt.

 

 

Auf dem Bahngleis 4/5

Auf dem Bahngleis 4/5

 

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